Auf die Bäume, ihr Affen, der Wald wird gefegt!
Mit diesem nicht sehr tiefsinnigen Schlager wurde das Publikum vor vielen Jahren zum Mitklatschen animiert. Mir fiel dieser Gassenhauer heute im Wald wieder ein, als ich seelenruhig Ski lief und plötzlich Sand unter meinen Brettern knirschte. Das gibt’s doch nicht, dachte ich. Gibt es doch!
Den ganzen Winter über waren die Wege geräumt, die Loipen gezogen. Wer mit dem Schlitten unterwegs war oder im Schlittschuhschritt Langlauf betrieb, nutzte die breiteren Wege, die konservativen Skiläufer glitten über die Loipen. Damit ist ja nun seit heute Essig. Die Wege sind alle fein säuberlich mit Sand bestreut worden. Ich stellte mich vor das kleine Streufahrzeug, um es zum Anhalten zu bewegen. Zwei junge Männer blickten mich erstaunt an.
Es waren Russen, solch schöne und leichte Arbeiten dürfen Gastarbeiter wahrscheinlich nicht ausführen. Ich fragte sie empört, was das soll. Es sei glatt und man müsse streuen, Anweisung der Natschalniks. Da sei nichts zu machen. Eine Telefonnummer wollten sie partout nicht rausrücken. Also erklärte ich ihnen wieder und wieder, inzwischen waren andere Waldarbeiter und Spaziergänger dazu gestoßen, dass es Unsinn ist, die Waldwege zu streuen. Die armen Schlitten müssen dann über den grobkörnigen Sand schmirgeln, die Skier werden davon auch nicht besser.
Ja, da hätte ich ja vielleicht Recht, aber gegen eine Anweisung der Vorgesetzten sei kein Kraut gewachsen und sie würden den Teufel tun, an entsprechender Stelle etwas dazu zu sagen. Das Hemd sei ihnen näher als der Rock und ähnliche Sprüche bekam ich zu hören. Ich fragte sie natürlich, ob sie den Kopf auch ab und zu zum Denken benutzten oder ob sie Leibeigene seien, die keine eigene Meinung haben dürften.
Ja, so ungefähr, lautete die prompte Antwort. Da mischten sich dann langsam die Umstehenden ein. Angeheizt und schon ganz schön politisiert durch die Ereignisse der letzten Monate, gaben nun alle ihren Senf dazu. Ja, eine Sklavenhaltergesellschaft sei das, keiner dürfte etwas sagen, die da oben hören ja nicht auf das Volk, sie sind sich selbst genug mit ihrem zusammen geklauten Wohlstand usw.
O, dachte ich, ein improvisiertes Meeting mitten im Wald, und ich habe es verursacht. Als ich dann ganz unschuldig fragte, ob man denn etwas ändern könne oder ob es so bleiben werde, ging ein wüstes Durcheinander los. Offensichtlich waren hier Anhänger verschiedener Parteien und Strömungen versammelt. Und weil es in den vielen Jahren Sowjetherrschaft und auch danach kaum geübt worden war, seine Meinung selbstbewusst zu äußern, die anderen nicht zu beschimpfen und zu beleidigen, ging es hoch her.
Aber trotzdem kultivierter oder besser gesagt angenehmer, als wenn sich prominente Anhänger verschiedener Lager treffen. Am Wochenende hatte es Marianna Maximowskaja, eine gute und aufrechte Fernsehjournalistin, doch wirklich geschafft, vier von fünf Präsidentschaftskandidaten, der Bekannteste glänzte, wie immer zu solchen Anlässen durch Abwesenheit, und Teilnehmer der großen Pro- und Antiputinmeetings in einem Fernsehstudio zu versammeln.
Die dort geführten Diskussionen verdienen die Bezeichnung nicht. Die Wenigsten äußerten ihre Meinung verständlich und ohne grobe Ausfälle. Es war am Ende ein Gekeife und Geschrei, dass man die Achtung vor den lautesten Schreihälsen verlor. Und wenn man dann noch den großen Einfluss des Fernsehens und seine Vorbildwirkung in Russland berücksichtigt, in vielen Regionen ist es Gesprächspartner, Kindermädchen, Nachbar und Informationsquelle in einem, muss man sich über schreiend geführte Diskussionen nicht weiter wundern.
Bei unserem Waldmeeting wurde es auch langsam immer heißer, bis eine resolute Rentnerin, die vorher schon allen Anwesenden die zerkratzte Unterseite ihrer Skier als Ergebnis der sinnlosen Streuerei gezeigt hatte und somit schon in Fahrt war, erklärte, sie sei in diesem Winter das erste Mal auf Brettern. Sie habe keine Zeit dazu, weil Wahlkampf herrsche und sie da aktiv mitmische. Das interessierte jetzt aber alle. Flugs holte sie aus ihrem Rucksack Flugblätter mit dem Konterfei des Kommunistenchefs Gennadi Sjuganow und agitierte alle, am kommenden Sonntag ihn zu wählen, damit wir einen ordentlichen Präsidenten kriegen. Jeder bekam ein Flugblatt und die Menge zerstreute sich. Die Jungs vom Streufahrzeug klemmten das Flugblatt unter die Scheibenwischer. Na, hoffentlich kriegen die mal keinen Ärger, sie arbeiten immerhin im öffentlichen Dienst, wo harte Bandagen an das „Wahlverhalten“ der Mitarbeiter angelegt werden.
Ich hatte etwas dabei, um dieSkier der aktiven alten Dame ein bisschen gleitfähiger zu machen und blieb noch ein Weilchen mit ihr allein. Dabei erfuhr ich interessante Dinge über die Technologie der Wahlfälschung. Sie hat sich offensichtlich sehr intensiv damit auseinandergesetzt und bei den Dezemberwahlen einiges gesehen. Nun will sie als Wahlbeobachterin dafür sorgen, dass in ihrem zuständigen Wahlbüro alles mit rechten Dingen zugeht.
Als wir uns schon verabschiedet hatten und in verschiedene Richtung davon fuhren, kamen mir zwei Polizisten entgegen, die offensichtlich ihre Mittagspause in frischer Waldesluft verbringen wollten. Ein Glück, dass sich das Spontanmeeting schon aufgelöst hatte, denn ohne Ausweiskontrolle wären wir wohl nicht davon gekommen. Und da ich zum Skilaufen keinen mitnehme, hätte ich so richtig Glück gehabt und die Jungs aufs Revier begleiten dürfen. Und das sollte man in diesem Lande tunlichst vermeiden.


