Steuermann, halt die Wacht!
In den vergangenen fünf bis sechs Jahren hörte ich von meinen weißrussischen Bekannten und Freunden, dass es hohe Zeit sei, Lukaschenko abzulösen, aber die Opposition habe ja keine Chance, sie bekäme weder Medienplätze noch Versammlungsmöglichkeiten. Stimmt ja auch, trotzdem wählen ihn die meisten Weißrussen immer wieder.
Die Rentner kann ich ja noch verstehen, denn ihnen, vor allem aber den Kriegsveteranen, geht es da ganz gut. Das konnte in den vergangenen Jahren so durchgehalten werden, weil Russland mit Blick auf einen gemeinsamen Unionsstaat, den Weißrussen viele Zugeständnisse machte, die sich Lukaschenko sofort selbst als kluge Wirtschaftspolitik zuschrieb.
Ja, er hat die eigene Wirtschaft nicht zugunsten teurer Importe zerschlagen, aber wer kauft seine Fernseher, Kühlschränke, LKWs und Großraumkipper? Ein paar GUS-Staaten, weil’s billiger ist, und die eigenen Leute. In den Goldminen Russlands werden z.B. andere Marken gefahren, die weißrussischen Belas gehen einfach zu schnell kaputt und sind oft nicht groß genug.
Weißrussische Fernseher und Gasherde sind auch nicht gerade der letzte Schrei, erinnert alles an vorgestern. Rentner kaufen sich solche Schmuckstücke GUS-weit, weil das eigene schmale Budget sie dazu zwingt. Mit Massivholzmöbeln, Schuhen, Unterwäsche, Trikotagen und Strumpfhosen mag es noch angehen, diese Waren finden sicher noch Abnehmer.
Die Landwirtschaftsprodukte werden in- und außerhalb Weißrusslands argwöhnisch betrachtet, die potentiellen Käufer hören den Geigerzähler geradezu ticken. Sieht alles also gar nicht so rosig aus. Und trotzdem hält der Steuermann Lukaschenko das Steuer fest in der Hand, er ist ein wahrer Meister der Demagogie.
Die Opposition sitzt ein, ist entweder im Untergrund oder zu schwach. Manche wurden mundtot gemacht. Diesmal gab es sogar vor den Wahlen eine Fernsehdebatte unter den Kandidaten der Opposition, allerdings ohne Lukaschenko. Der hat das nicht nötig und braucht außerdem keine bohrenden Fragen. Aber die Oppositionellen müssen natürlich jede Chance nutzen, um bekannt zu werden.
Ausgerechnet einer, der immer am vehementesten gegen Lukaschenko argumentierte und sich sogar deshalb mit seiner Cousine, einer Ärztin in den Mittfünfzigern und leidenschaftlichen Lukaschenko-Anhängerin, überworfen hat, sagte mir am Wochenende, dass er ihn wohl wählen werde, weil – und das ist der Hammer- sowohl West als auch Ost Weißrussland verraten hätten. Da blieb mir echt die Spucke weg.
Und ich zog heimlich den Hut vor der Propagandamaschine Lukaschenkos.
Maestro Lukaschenko steht gern als Bittsteller da, aber als stolzer, will alles umsonst haben und pokert mit der geographischen Lage des Landes. Er sieht sich als Bollwerk gegen Natoraketen in unmittelbarer Nähe zur russischen Grenze oder als letzte Bastion einer Ausreisewelle aus dem Osten. So denkt er EU und Russland in Schach zu halten und seinen Vorteil daraus zu ziehen.
Die EU legte ihr Partnerschaftsprogramm auf, was mit vielen Auflagen gespickt ist, um offensichtlich einen Keil zwischen Russland und Weißrussland zu treiben. Gleichzeitig zog Russland die Daumenschrauben bei den Zöllen für Erdöl und Erdgas an, d.h., für den Teil, der kein Eigenverbrauch ist, sollen auf dem Markt übliche Zölle gezahlt werden. Das gab einen regelrechten weißrussischen Aufschrei, sah doch der Staatslenker viele Millionen davon schwimmen.
Und so kam eins zum anderen, verbaler Schlagabtausch zwischen den Staatschefs, Russland unterstützte die Opposition und ließ in den staatlichen Fernsehkanälen einiges an Gesammeltem über den Maestro raus.
Und siehe da, das Wahlvolk sammelt sich um den so aus dem Ausland Geschmähten! Toller Effekt, kann ich da nur sagen. Und Lukaschenko hat einen kühlen Kopf behalten. Er führt das Land so, als ob es sein Eigentum sei und er bestimmt, was wer wo und wie machen darf und wie viel es kostet. So ungefähr wie Luschkow das mit Moskau praktiziert hat. Alles eine Handschrift.
Hin und wieder „beglückt“ Lukaschenko seine Untertanen damit, dass er medienwirksam joggt, Ski läuft oder Eishockey spielt. Und das einfach zu bespaßende Wahlvolk sagt dann: „Guck an, ist doch noch ganz fit, der Knabe“. Bei Premieren in der Minsker Oper lässt er sich gern sehen und bei der Premierenfeier bezirzen ihn Gymnastinnen und Chorsängerinnen um die Wette. Ein schönes Bild, wie er da so glücklich lächelnd und Damen behangen da steht. Aber schon meine Oma hat gesagt: “Hüte Dich vor Männern, die die Haare über die Glatze kämmen“. Mit dieser Warnung hat sie total ins Schwarze getroffen.
Seinen kleinen unehelichen Sohn Kolja zieht er wie einen Joker aus dem Ärmel, lässt ihn in maßgeschneiderter Uniform die Parade gemeinsam mit ihm abnehmen, schleppt ihn mit zum Papst und zu anderen offiziellen Anlässen. Was für ein toller Vater! Da möchte man glatt vor Rührung weinen.
Das ist ja für Russland ebenfalls nicht neu, hier denken ja die teuer eingekauften PR-Spezies auch, dass das naive Volk von Zusammenrottungen auf der Straße abgehalten werden kann, wenn man den Premier reiten, Bike fahren, tauchen, singen und musizieren lässt und ihm noch allerlei Tiere schenkt, die er dann liebevoll knuddelt. Alter Trick, Kinder und Tiere machen sich gut mit gewissen Staatschefs, gibt da einschlägige Erfahrungen.



19. Dezember 2010 um 21:28
Sieht alles danach aus, als wenn er wieder gewählt wurden ist. Alles andere wäre auch sehr merkwürdig gewesen.