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Russland - Das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten

Vom Holzlöffel bis zur kosmischen Rakete, vom Aschenputtel aus der Provinz zur Oligarchenbraut, vom armen Mathelehrer zu einem der reichsten und einflussreichsten Männer Russlands - hier ist alles drin.

Aber auch unglaublich empörende Dinge sind an der Tagesordnung. So kann man in der Umgebung oder Verwaltung des Oberhauses des russischen Parlamentes Personen finden, die da nicht hingehören, weil ihnen eine kriminelle Vergangenheit anhängt.

Aufgebrochen aus einer asiatischen Sowjetrepublik, heute steht als Geburtstag längst Moskau im Pass, eroberte er die Hauptstadt, stieg in der mafiösen Hierarchie auf, sass hinter Gittern, beseitigte Konkurrenten. Die Grossfamilie holte er nach, unterstützte alle finanziell und überwand bürokratische Hürden. Als beinharter Macho hält er alle Frauen in der Familie nieder, verbietet ihnen Hosen zu tragen oder gar zu rauchen. Da hagelts Schläge. Seine Frau läuft ständig mit blauen Flecken geschmückt umher.

Die blutjunge Geliebte, stolze Besitzerin einer Luxuswohnung von seinen Gnaden, darf hingegen alles.

Auf seinen erlesenen Geschmack deuten fingerdicke Goldketten, überdimensionale Jeeps und ein unsäglicher bodenlanger Nerzmantel, aus dessen Ärmel ein Hündchen mit einem echten Perlenhalsband lugt. Das hat doch Klasse, oder?

Durch Schutzgelderpressung zu Reichtum gelangt, ließ er auch die Staatsdiener daran teilhaben, machte grosszügige Geschenke, unterstützte Veteranen und machte so Stück für Stück seine Vergangenheit vergessen, lebte auch außerhalb der Gefängnismauern „po poniatiam“, wie man hier zu sagen pflegt.

Den Töchtern, Nichten und Neffen, ganz gleich, ob mit Verstand gesegnet oder nicht, ermöglichte er Fach- und Hochschulstudien. Ist doch kurios, wenn ein junger Mann, der mit Ach und Krach die Grundschule geschafft hat und später als Lagerarbeiter in einem Moskauer Kaufhaus untergebracht werden konnte, plötzlich Jura studiert, um als persönlicher Body des mächtigen Onkels wenigstens ein Papierchen in der Hand zu haben. An seinem geistigen Niveau ändert das nichts. Und die Prüfungen hat er auch irgendwie „bestanden“ und führte somit das Studium ad absurdum. Alle wissen das und schweigen.

Aber die Krönung des Ganzen ist sein sehr hoher Rang als Milizoffizier (mit 6 Klassen Schulbildung!), der sich nun offiziell um die Sicherheit des Föderationsrates sorgt.
Ich befürchte, er ist dort nicht der einzige dieser Spezies!

Hier machen Leute Geld und Karriere, die es woanders nicht geschafft hätten. Trotz Bürokratie, aber weil es die Korruption auf allen Ebenen gibt. „Wer gut schmärt, der gut fährt!“ heißt es nicht umsonst.
Mit der richtigen Klappkarte aus dem „früheren Leben“ kommt man als Verkehrsrowdy ungestraft durch, schüchtert Beamte und Konkurrenten ein und öffnet spielend wichtige Türen.

So auch ein junger Mann aus einer ehrbaren Offiziersfamilie, er selbst gedienter Hauptmann, der nach einer steilen Karriere in einem Weltkonzern beschloss, sein eigenes Business zu machen. Gute Geschäftsideen anderer eignete er sich an und legte selbst los, oft ohne den blassesten Schimmer vom jeweiligen Geschäft zu haben.

Ohne die Gewinnentwicklung abzuwarten, lebte er sofort auf großem Fuß, verschleuderte jeden Monat Unsummen und ist von seiner Unfehlbarkeit überzeugt. Ihm zu Hilfe eilte der Schwiegervater, der einen Posten im Dunstkreis der Macht bekleidet. Ein alter Fuchs, der sogar mit staatlichen Immobilien Geld macht, indem er sie nutzt und vermietet, als ob sie ihm gehörten.

Ein junger Historiker lieh sich in den wilden 90ern von seinem Freund 2500 Dollar und eröffnete ein Reisebüro, stellte arbeitslose Akademiker ein und legte los. Nach einem halben Jahr gehörten ihm in Moskau schon mehrere Reisebüros, Filialen in Schweden und Deutschland folgten. Er schonte weder sich noch seine Frau, überstand den Crash von 1998 und führt bis heute ein sauberes und intelligentes Business.
In dieser Branche gab es in der Aufbruchszeit übrigens nicht wenige Geschäftsleute dieser Art, was erfreulich ist. Hoffen wir, dass sie überleben können.

Aus dem ganzen Land in die Hauptstadt strömende Bordsteinschwalben warteten geduldig auf den Prinzen mit Schwert und Schimmel. Und bei einigen hats geklappt, Expats und ein paar neureiche Russen gingen ihnen in die Falle. Nun bevölkern sie Vernissagen, Filmpremieren und back stage Parties, um ihren neuesten Schmuck auszuführen und zur feinen Gesellschaft zu gehören. So lange sie den Mund halten, ist ja alles in Ordnung….

In der jetzigen Krise zeigen sich die Wildostkapitalisten von ihrer besten Seite, entlassen Angestellte, zahlen kein Übergangsgeld, zwingen die Entlassenen „auf eigenen Wunsch“ zu gehen. Von ihrem hohen Lebensstandard rücken sie keinen Jota ab.

Es ist ihr Business und ihr Geld, das kann man noch irgendwie verstehen.
Aber die Supernatschalniks in gestützten und gehätschelten staatlichen Einrichtungen geben sich noch einen Zacken schärfer und unsozialer, wollen wohl der Obrigkeit mit ihrer Sparpolitik gefallen.

Und Recht haben sie! Damit sind manche sogar in die vom Präsidenten neu formierte Kaderreserve geraten, sogar in die „erste goldene Hundertschaft“ von Tausend. Das führt ja die beschwichtigenden Worte der Staatslenker ad absurdum, die die Entlassenen oder die um mindestens ein Drittel ihres Gehalts Gebrachten dazu auffordern, sich der Willkür nicht zu beugen und notfalls zu klagen. Ein Treppenwitz der Gegenwart.

An die Stelle von Fachleuten rücken Lemminge, blutjunge Absolventen aus Moskau und der Provinz, die angetreten sind, den Stier bei den Hörnern zu packen und Moskau zu erobern. Sie arbeiten für ein lachhaft geringes Gehalt, halten die Klappe und fabrizieren viel Unsinn und keine Qualität. Ist ja auch nicht wichtig, oder?

Und keine Gewerkschaften in Sicht, alle Aktionen verlaufen sporadisch und im Sande. Bisher …


 
 
 

9 Kommentare zu “Russland - Das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten”

  1. Alex
    2. Juni 2009 um 18:06

    hatte wirklich Spaß beim lesen dieses Stückes. So schlimm es sich auch anhört, etnspricht es dennoch der Wahrheit. Jeder weiß es und keiner muss es irgendwo nachlesen. Die Russen im Lande wissen es mehr als jemand anderes. Egal welcher Schicht diese angehören. Sie sehen es Tag täglich mit eigenen Augen.

    Das macht Russland aber auch so interessant.

    Einer Aussage kann ich dennoch nicht zu stimmen. Es muss schon eine gewisse Inteligenz vorhanden sein um in Russland hochzukommen. Gewalt alleine macht noch lange keine Macht. Diejenige, die Ihre Intelligenz einsätzen wissen, denken in erster Linie an sich und die fehlende Überwachung der “inteligenten” macht Russland zu dem Russland, was viele nicht verstehen, aber dennoch lieben. :-)

  2. Markus
    2. Juni 2009 um 20:35

    Intelligenz ist NICHT notwendig in Russland! Bauernschlaeue und eine geruettelt Mass an Gewalt reichen vollkommen! Trotzdem (vielleicht sogar deswegen?) liebe ich dieses Land und die Leute!!

  3. Olaf
    3. Juni 2009 um 13:48

    Ist den Europa so viel besser und weiter entfernt in Sachen Korruption und Dähmlichkeit von Politikern und Europa-Abgeordneten?

    Berlusconi lässt grüßen!

    Und von unfähigen Managern in der Wirtschaft sind wir wohl nicht Betroffen?
    Man kann zwar Russland kritisiern, aber ähnlichkeiten bestehen bei uns im Alten Europa gewiß, und in den dazugekommenen neuen EU- Ländern überhaupt!!!
    Dank unserer Massen-Medien,ist unser Volk sowieso schon verblödet, da passt so ein Artikle gut ins Schema ,denn man kennt ja aus Russland nur Schlecht-Meldungen!
    Also immer schön den Ball flach halten, mal lieber eine Artikel ueber Georgien oder Turkmenistan schreiben

  4. Monika
    5. Juni 2009 um 13:19

    Da habe ich Sie, sehr geehrte Martina, nun endlich “erwischt”. Bisher suchte ich Ihre amüsanten wie auch treffenden Kommentare an anderer Stelle. Nun finde ich sie hier! Es ist mir immer wieder eine Freude, Ihre Einschätzung und Kommentierung des russischen Lebens zu lesen. Sie sind mir ein wichtiger Bestandteil geworden, mein Russland-Puzzle zu ergänzen.

    Ich staune immer wieder, was in Russland alles möglich ist und bin doch auch immer wieder erschüttert, was nicht geht.

    Herzliche Grüße und Danke für Ihre Beiträge. Ich freue mich auf die nächsten.

  5. Swetlana
    9. Juni 2009 um 17:14

    Den ganzen Artikel konnte ich leider nicht schaffen, der ist seinem Tonfall nach ebenso grausam wie das Leben in Russland Mitte 90-er Jahre. Steckt der Autor des Artikels noch in jener Zeit? Das heutige Russland ist naemlich gar nicht so absurd und abschreckend wie es hier dargestellt ist. Goldene Ketten sind Vergangenheit, Schmiergeld, Gewalt in der Familie und blutjunge Geliebte sind dagegen “ewige Werte”, auch in Europa. Wir sind anders, das wissen wir auch, unsere Geschichte birgt viele butige Taten und nicht weniger hohe Worte, unser Volk ist verbloedet und geschwaecht. Aber das ist ein sehr gutes, wenn auch nicht unbedingt sehr ruhiges und im europaischen Rahmen “anstaendiges” Volk und es — als Ganzes und als jeder einzelne meiner Freunde — verdient einen besseren Praesidenten und ein besseres Leben. Wozu schreibe ich das? Mich stoert der Vergleich “Land der Ideen” und “Land der unbegrenzten Unmoeglichkeiten”, nicht einfach stoert, das tut mir weh :(

  6. Sven
    15. Juni 2009 um 10:52

    Sehr interessante Seite! Ich lese sie immer wieder gerne. Danke für diese Infos.Habe echt viel Spaß beim Lesen gehabt.Danke.

  7. Norbert R.J.P
    16. Juni 2009 um 14:11

    Herzliche Grüße und Danke für Ihre Beiträge.
    Ich warte schon auf den nächsten.
    Gruss Norbert

  8. Susanne
    18. Juni 2009 um 15:54

    Das ist ja sehr interessant.Bin eigentlich nicht so gut zum Thema “das Leben im Russland” informiert… Finde es aber schon spannend.Da hier schon so viele Leute aus Russland kommen und wohnen, wurde mir interessant, warum, wieso …nun weiß ich schon.

  9. lukky
    24. Juni 2009 um 16:02

    Nun ja, der geehrten Swetlana kann ich mich nicht ganz anschliessen….Schmiergeld, haeusliche Gewalt und blutjunge Geliebte sind eben NICHT “ewige Werte” - und schon gar nicht in Europa. Wir sind sicher weit von Perfektion entfernt, doch wir geben es zu ! Bei uns kann die Presse jeden Skandal und jede Machenschaft aufdecken (so sie es schafft), ohne dass die beteiligten Journalisten um ihr Leben fuerchten muessen… Dicke Goldketten sind aktueller denn je. Einmal in einem upper class Restaurant essen gehen! Weiter:Ohne vzyatka laeuft rein gar nix!Die banalsten Dinge muessen geschmiert werden… Und noch eins: jedes Volk hat die Regierung (und das Fernsehrprogramm :) ), dies es verdient! Gilt fuer Europa genauso, natuerlich.

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