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GASTARBEITER aus Kalifornien für Deutschland bei Eurovision-2009

Als ich am Montag nachmittag von einer Reise in die russische Provinz zurück kam, fand ich in meinem Email Postfach eine Einladung der Israelischen Botschaft zu einer Veranstaltung des Eurovison Song Contest.

Zwar bin ich nicht gerade ein glühender Fan dieser Veranstaltung, da es bekanntlich weniger um gute Musik sondern eher um ein Medienspektakel geht, doch trotzdem war ich neugierig darauf, mir dies mal aus der Nähe anzusehen.

(Beitrag von GASTARBAiTERKA, die am 15.5. abends im Klub Bilingua auftritt.)

Da ich privat eher alternative Musik höre, selten Fernsehen schaue und daher oft gar nicht über irgendwelche Trends und Popsternchen Bescheid weiß, kannte ich mit Ausnahme von Patricia Kaas keinen der Kandidaten.

Die israelisch-palestinensischen Sängerinnen Noa & Mira Awad als Hauptgäste des Events traten live mit ihrem Wettbewerbslied „There Must Be Another Way“ gesungen auf Englisch, Hebräisch und Arabisch, sowie mit ihrer Beatles-Coverversion „We Can Work It Out“.

Ich muss zugeben, dass ich von den beiden Mädels sehr positiv überrascht war. Im Gegensatz zu den weiteren Kandidaten der Länder Deutschland, Island, Serbien und Albanien, die an dem Abend auftraten spürt man die natürliche Persönlichkeiten beider Frauen auf der Bühne, die ungekünstelt rüberkommt kombiniert mit tollen Stimmen, die im Duett schön harmonieren.

Doch jenseits des offensichtlichen Talents und Geschmacks, den ich in der Darbietung von Noa & Mira Awad schätze, finde ich den Beitrag dennoch etwas fragwürdig, da er eindeutig als Propaganda-Mittel instrumentalisiert wird. Ich bin nicht sicher, wie es zu bewerten ist, dass man ein paar Wochen nach den schweren Angriffen Israels nun einen auf Frieden macht und sich zwei Sängerinnen dazu holt, die in einem anderen Kontext tatsächlich durch ihre Herkunft und ihr Projekt ein friedliches Miteinander symbolisieren.

Georgien, das bereits disqualifiziert wurde, war mit seinem Beitrag „We don’t Wanna Put In“ definitiv zu plump mit seiner politischen Botschaft. Und Gastgeber Russland selbst mit seiner ukrainischen Repräsentantin Anastasija Prichodko, die teils Russisch, teils Ukrainisch singt, ist in eigenen Reihen nicht unumstritten.

Für Deutschland tritt der bisher unbekannte Amerikaner Oscar Loya auf. Beim gestrigen Event präsentierten er und sein Produzent sowie drei Tanzgirlies unter dem Slogan “Alex Swings Oscar Sings“ den Song “Miss Kiss Kiss Bang”. Dazu soll wohl noch das Glamour-Klatsch-Girl „Dita von Teese“ anreisen. Obwohl der Musical erfahrene Strahlemann eigentlich nicht schlecht singen kann, bleibt die Darbietung doch sehr flach. Doch der geleckten Party-Boy in seinem Glitzertop und das zu erwartende Pin Up Girl könnten dem Massengeschmack des TV-Publikums durchaus entsprechen. Dies ist nichts Verwunderliches.

Was mich aber mehr stört ist, dass er kein Wort auf Deutsch singt. Viele der Kandidaten folgen dem Englisch-Trend, doch besonders, weil Oscar auch noch selbst Amerikaner ist und für Deutschland auftritt, wären doch die ein oder andere Strophe auf Deutsch wünschenswert, damit man noch den Bezug zu dem repräsentierten Land erkennen könnte. Schließlich heißt das Event ja EURO- und nicht US—vision.

In dem Gedränge, wo er dann von vielen Mädels belagert wurde, die ein Schnappschuss für ihre Facebook Seite erhaschen wollten mit dem Sternchen, fragte ich ihn, warum er denn nicht auf Deutsch singe. Immerhin konnte er Deutsch, wusste darauf jedoch keine rechte Antwort und meinte nur, dass die deutschen Beiträge in den letzten Jahren immer auf Englisch gesungen waren und er würde sich freuen, wenn mir sein Beitrag trotzdem gefalle. Überzeugt hat mich das natürlich nicht, aber mindestens kann er im Gegensatz zu Stefan Raab sogar singen. Roger Cicero’s “Frauen regier’n die Welt”, was ich echt hören lassen konnte, schaffte es vor 2 Jahren nur auf Platz 19.

Wenn man weiß, dass in der deutschen Jury Figuren wie Jeanette Biedermann sitzen, die dieses Jahr nach Moskau angereist ist und die ich bei der gestrigen Party tatsächlich glatt übersehen habe, braucht man sich sicher nicht über Niveaulosigkeit zu wundern.

Doch auf jeden Fall gibt es ohne Frage auch sehr talentierte Künstler unter den Teilnehmern und Pop muss nicht zwangsläufig niveaulos sein.

Die Beiträge aus Tschechien, Norwegen und Armenien z.B., die ich u.a. im Netz auf Video angesehen habe, finde ich durchaus unterhaltsam. Die 4-köpfige Roma-Sinti-Band Gypsy.cz kommt originell rüber und macht durch eine Kombination von traditioneller Zigeuner-Musik und modernen Einflüssen von Queen und Rap-Passagen gute Stimmung ohne gekünstelt zu wirken. Das Superman-Kostüm finde ich persönlich etwas übertrieben, aber dadurch, dass es ein Romani trägt, hat es doch irgendwie was Skurriles. Der junge, weißrussischstämmige Alexander Rybak tritt für Norwegen an und begeistert mit einer Eigenkomposition durch frischer Ausstrahlung, Gesang und Geigenspiel. Wie der tschechische Beitrag ist auch der armenische Beitrag teils auf der Heimatsprache teils auf Englisch gesungen und die zwei Schwestern Inga und Anush begeistern mit tollen Stimmen und tanzbaren Rhythmen, die traditionelle und Popmusik vereinen.

Island hat ja mit Björk bewiesen, dass es wunderbare Talente hervorbringen kann, die sowohl künstlerisch und gleichzeitig massentauglich sein können. Doch in diesem Jahr haben sie ein Barbie-Girl in den Ring geschickt, das nach meinem Geschmack einfach austauschbar und uninteressant ist.

Und aus Frankreich Patricia Kaas zu schicken ist auch nicht besonders einfallsreich, aber mindestens bringt diese gestandene Künstlerin Professionalität und Persönlichkeit mit.

Ich möchte betonen, dass ich persönlich weder etwas gegen amerikanische noch gegen homosexuelle Mitbürger habe und man könnte Deutschland’s Wahl bestenfalls als kritisch-politisches Statement gegenüber Russland auffassen, dessen Gay-Paraden immer wieder verboten werden. Ob hierzulande aber ein schwuler Ami als Repräsentant für Deutschland beim Eurovison Song Contest erfolgreich sein wird, bleibt noch offen. Warten wir ab, wie sich unser amerikanischer Gastarbeiter im wilden Osten schlagen wird.

GASTARBAiTERKA
Helen Kurkjian

http://www.myspace.com/gastarbaiterka

GASTARBAiTERKA tritt am 15.5. ab 22 Uhr im Klub Bilingua in Moskau auf
www.bilinguaclub.ru


 
 
 

3 Kommentare zu “GASTARBEITER aus Kalifornien für Deutschland bei Eurovision-2009”

  1. Alex
    15. Mai 2009 um 14:32

    ganz meine Meinung. Nur das ich mir dieses Theater niemals umsonst anschauen würde. Eignetlich hat der Beitrag bereits mehr als ich über diesen Affenspektakel wissen wollte erzählt.

    Sonst bin ich selbstverständlich ein großer Fan “guter” Musik. EuroVision hatte früher wirklich Charme, doch muss ich sagen, dass seit der Osterweiterung in diesem Sektor einfach zu viele politische Botschaften mit hinein genommen werden. Es ist zwar schön, wenn man hin und wieder mit einem gutem Song auf das eine oder andere Leid aufmerksam gemacht wird und ich finde es auch überhaupt nicht schlimm, wenn es Mal eine politische Bottschaft enhällt, doch wird diese Veranstalltung mittlerweile nur noch für solche Zwecke verwendet.

    Naja, bleibt also nur zu hoffen, dass die Welt sich verträgt und wir wieder vernünftige Musik zu hören bekommen. Keinen sinnlosen Pop, politischorienterte Musikveranstalltungen oder den ständig neuen nicht auf dem Markt lange haltendem Trands wie dummen Rap, schnulzigen RnB. Schließlich gab es und gibt es vereinzelt auch heute noch wirklich gute Musiker. Lieder welche einem Spaß machen zu hören, welche zum nachdenken anregen oder einfach nur der Enspannung dienen.

    Ich bin 24 Jahre als und enspanne bei Nervana oder Metallica. Höre gerne auch russiche Musik und vereinzelt auch das eine oder andere Werk deutscher Künstler wie Ärzte. Spaß darf überall dabei sein, doch bei Musik geht es ja um MUSIK, also musikalische Instrumente, wo auch Gesang dazuzählt.

  2. Wolfgang
    18. Mai 2009 um 03:36

    gefällt mir der Artikel. Es wäre längst angebracht das alle Lieder in Landessprache gesungen werden. Russland wäre zu empfehlen, falls sie interessiert wären ganz vorne zu landen, auf ihre Shansons zurück zu greifen. Es muß ja bei diesen Contest nicht gerade auf Texte von oder über Magadan gesungen werden.
    Ich jedenfalls habe nach ein paar Musikstücken entnervt aufgegeben und mich bei Radio Moskau-Shanson entspannt.

  3. Volker
    25. Mai 2009 um 00:23

    … und auch Estland überzeugte mit einem tollen Lied in Landessprache. Platz 6! Erstaunlicherweise gab es dafür sogar 8 Punkte aus Russland, wenn ich mich nicht täusche. Das war ja geradezu ein Friedensangebot :)

    Die Meinung über den isländischen Beitrag teile ich im Übrigen ganz und gar nicht. Die Sängerin war authentisch, sympathisch und trat mit einer starken Melodie auf.

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