Die Ökokeule: individuelle und amtliche Vermüllung
Während es in Deutschland mode ist, Umwelt freundlich zu leben, wird in Moskau, ja beinahe in ganz Russland fröhlich vor sich hin gemüllt. Zigarettenkippen, Teebeutel, Fischgräten fliegen aus dem Fenster (die Hofarbeiter aus dem fernen Asien räumen’s schon weg), aus fahrenden Autos „fallen“ leere Zigarettenschachteln, Colabüchsen, Chipstüten und andere schöne Sachen, manchmal allerdings auch Glasflaschen.
Aber die Vermüllung findet nicht nur individuell (aber massenhaft) statt, sondern auch sozusagen amtlich (und noch massenhafter).
Im Winter werden die Strassen und Gehwege mit Chemikalien regelrecht eingeweicht, Schuhe, Hosen, Atemwege, Autos, Grundwasser – alles wird barbarisch in Mitleidenschaft gezogen. Stört aber keinen in der Stadtregierung, sie kaufen weiter munter jedes Jahr andere Chemiejauche, um sie freigiebig zu verteilen. Einmal allerdings hat ihnen die Gier (den „Otkat“ hat ja bisher noch keiner abgeschafft) ein Schnippchen geschlagen. Bei Temperaturen unter -10 Grad verwandelte sich die ganze Brühe in Schmierseife ähnliche Masse, die Autos wahre Strassentangos tanzen liess.
Gerade davon hatten sie aber grosse Mengen im Ausland gekauft, von da, wo es nicht so kalt wird. Wo sie das unbrauchbare Zeug hingetan haben? Wahrscheinlich in die Jause gekippt, die nicht mal bei -25 und niedriger zufriert. Die Enten auf der Jause haben wahrscheinlich Kunststoffbäuche oder so was ähnliches. Ich würde gerne mal ein Pärchen von dort mit nach Karelien nehmen und auf einem der schönen sauberen Seen aussetzen. Und gucken, wie sie reagieren. Werden wohl hilflos nach Luft schnappen.
Moskau und das Umland ersticken förmlich im Müll, sind reich gesegnet mit zweifelhaften Deponien. Dazu sind der Stadtregierung und der Staatsduma in den vergangenen Jahren interessante Projekte für effiziente und Umwelt freundliche Müllverarbeitung vorgetragen worden. Sie stiessen auf Ablehnung, weil sie angeblich zu teuer waren.
Der springende Punkt war aber die fehlende Bereitschaft der Investoren, gewisse Couverts zwecks Auftragsbeschleunigung diskret über den Tisch zu schieben. Und nun ist die Kacke im wahrsten Sinne am Dampfen. Deshalb sollen mit Luschkows Segen im Eiltempo fünf Müllverbrennungsanlagen in Moskauer Stadtteilen errichtet werden.
Allerdings, so wurde gemeldet, sei deren Schadstoffausstoss mindestens so hoch wie der des gesamten Autoverkehrs der Stadt. Gleichzeitig tritt der „Stadtvater“ gegen Gen modifizierte Lebensmittel auf, mimt den Besorgten. Er hat in letzter Zeit überhaupt mal wieder viele neue Ideen, macht PR in eigener Sache. Zieht aber alles nicht mehr so richtig bei den Moskauern, sie durchschauen ihn langsam.
Die Autoabgase sind eine weitere Umweltplage in der Stadt. Schlecht verarbeitetes Benzin und besonders der Dieselkraftstoff stinken im wahrsten Sinne zum Himmel. Ausserdem gilt es als uncool, keinen Jeep zu fahren. Sprit fressende fahrbare Feldscheunen verstopfen alle Strassen, Kleinwagen haben es hier sehr schwer, leider.
Pfiffige Immobilienmakler haben sich ausgedacht, dass im Südwesten und im Nordosten der Stadt die Luft wesentlich besser sei, weil eine luftfreundliche Windrose nur schöne saubere Luft herbei bliese. Das muss sich natürlich auf die Preise auswirken, nicht wahr?
Zwei skurrile Geschichtchen zum Schluss:
Als ich noch in Moskau-Nowogirejewo wohnte, las ich eines Morgens am schwarzen Brett im Hauseingang, dass die Bewohner gebeten werden, in der kommenden Woche den Müll ausnahmsweise mal nicht aus dem Fenster zu werfen, weil der Hausmeister verreisen will.
In den wahrhaft wilden 90ern hatte ich im Art-Hotel eine Dienstreisende aus Frankfurt am Main zu Gast. Nach dem Erwerb eines Farbfilmes hielt sie die Kartonverpackung in der einen und das Plastebüchschen in der anderen Hand und fragte mich, ob wir Mülltrennung betrieben. Selten so gelacht, weil ich mehrmals die Woche lodernde Flammen aus den Müllcontainern schlagen sah, streng überwacht vom Hausmeister, der so die Müllmenge stetig minimierte. Und da heisst es noch, in Russland gebe es keine Privatinitiative. Noch Fragen?



10. März 2009 um 19:22
Liebe Martina, ich will mich nicht an den Schlamm hier gewöhnen aber bin jetzt dazu übergegangen, all das wie ein modernes Kunstwerk zu sehen. Und das kommt dann dabei heraus: Wenn ich in Deutschland bin, schnappe ich hilflos nach Luft, wie Deine Entchen.
Bitte versorge mich weiter mit Deinem Humor. Danke im Voraus!