Moskau, Moskau – Metro, Migranten und Limitschiki (2)
Der Metrochef jammert in allen Medien, dass pro Tag rund 200 0000 Passagiere weniger mit der U-Bahn fahren und somit ein grosses finanzielles Loch entsteht. Auf Fahrpreiserhöhung kommt er als allererstes, da könnte ich meinen Kopf verwetten. Er zeichnet sich überhaupt durch „massvolles Wirtschaften und strategische Weitsicht“ aus.
In den wilden 90ern und Anfang des neuen Jahrtausends gab es auch staatliche Zuschüsse für das beliebteste Verkehrsmittel. Diese aber flossen offensichtlich zum grossen Teil in dunkle Kanäle, denn weder gab es neue Waggons oder Gleise noch neue Strecken. Nun, wo Dank der planlosen Bauwut nichts mehr geht und ein Verkehrsinfarkt naht, besinnt man sich auf längst fällige Projekte im Untergrund der Stadt.
Das kommt alles zu spät, mindert das Chaos nicht und verursacht höchstens neue Unannehmlichkeiten bei Rolltreppenreparatur, Sanierung und somit kompletter Schliessung von Metrostationen, Verlegung von Ausgängen usw.
Es ist und bleibt ein großes Dorf, geprägt von Zugereisten aus dem ganzen Land, früher „Limitierte“ genannt (Limita), die zur Arbeit nach Moskau in die großen Betriebe delegiert wurden und nach einer gewissen Zeit in Internaten eigenen Wohnraum zugewiesen bekamen.
Ihr Aufenthalt in Moskau veränderte ihre Sichtweise auf alle anderen Nicht-Moskauer im Handumdrehen gravierend. Sie verwandelten sich in hochnäsige Typen, die von oben herab auf neu Zugereiste blickten.
Natürlich machte der Ortswechsel sie nicht automatisch zu Hauptstädtern, ihre Provinzialität gaben sie einfach als hauptstädtischen Lifestyle aus. Utopisch, was alles an Kleidung getragen und abenteuerlich kombiniert wurde. Unvergesslich der Theater-oder Ausgehlook der Herren der Schöpfung, der sich bis Anfang der 90er Jahre hielt:
Trainingsanzugjacke unter dem Anzugjackett! Oskar Maria Graf schrieb in seinem Buch „Meine Reise nach Sowjetrussland 1934“, dass er sich wunderte, Männer im Frack im Straßenbild zu sehen. Das allerdings hatte eine ganz einfache Erklärung: eine ganze Partie Fracks war irgendwie fehlgeleitet worden und dann eilends von fliegenden Händlern an den Mann gebracht. Und wenn man so ein gutes Stück schon mal besass, musste es auch angezogen werden. Ist doch logisch, oder?
Die Frauen trieben es dagegen sehr bunt und stellten eine eigenwillige Farbzusammenstellung zu Schau. Auch auf den Köpfen trug man die seltsamsten Farben, bevorzugt wurden wasserstoffblond und rot in allen Schattierungen.
Richtige echte Moskauer muß man mit der Lupe suchen.
Bei der herrschenden Einöde in den Provinzstädten zog es natürlich alle nach Moskau. Das Geschäft mit fiktiven Ehen blühte. Obwohl Moskau bis 1994 auch nur eine Ansammlung vieler Häuser ohne nennenswerte Infrastruktur war, wenige Geschäfte und noch weniger Restaurants, Bars und Kaffeehäuser aufzuweisen hatte, hielt man das für die grosse weite Welt.
Inzwischen haben sich die Horizonte erweitert, das Ausland ist näher gerückt und für viele erreichbar geworden, was Verhalten und Lebensstil in keiner Weise beeinflusst. Wer Russland schon eine Weile kennt, kommt nicht umhin, mir Recht zu geben. Aber im chaotischen Leben der Neuzeit ist ein bisschen Verharren auf Vertrautem nicht einmal das Schlechteste.


